Liebeszahlen

Bitte kau leiser und außerdem bist du mir viel zu nah

Es gab Momente in unserer Beziehung, da war ich einfach nur noch genervt.
Manuel atmet zu laut.
Er kaut zu laut.
Er sitzt zu nah bei mir.
Er redet die ganze Zeit obwohl ich lesen will.

Ich weiß, das klingt brutal. Aber in diesem Moment konnte ich ihn kaum ertragen.
Und das, obwohl ich ihn liebe.

Wie aus Liebe “Genervtheit” wird

Vor einigen Wochen bin ich über das Konzept PSO von John Gottman gestolpert – dem Beziehungsforscher, der nach jahrzehntelanger Forschung Paare mit 91 % Trefferquote voraussagen kann: ob sie zusammenbleiben oder sich trennen.
(Klingt gruselig, oder?)

PSO ist die Abkürzung für Positive Sentiment Override.
Ein sperriger Begriff für etwas ganz Alltägliches:
Wie du über deinen Partner denkst, bestimmt, wie du ihn wahrnimmst.

Wenn du dich geliebt, gesehen, verbunden fühlst – dann interpretierst du selbst kleine Fehler wohlwollend.
Er vergisst den Müll rauszubringen? „Ach, der Tag war sicher stressig.“
Er kommt später nach Hause? „Er wollte sicher noch was fertig machen.“

Aber wenn du innerlich schon im Negativmodus bist, kippt das Ganze.
Dann wird aus dem selben Verhalten: „Immer muss ich alles alleine machen.“
Oder: „Wahrscheinlich war ihm das wieder wichtiger als ich.“

Das ist PSO – oder in seinem Gegenteil: Negative Sentiment Override.

(Wenn du dich jetzt “ertappt” fühlst – keine Sorge, dafür gibt es eine Lösung)

Das eigentlich Spannende daran

Es geht nicht darum, dass der andere plötzlich anders ist.
Es geht darum, aus welchem emotionalen Zustand du ihn betrachtest.

Und das Verrückte daran:
Dieses Grundgefühl entsteht nicht in großen Momenten, sondern in ganz kleinen.
In Blicken. In Gesten. In diesen unscheinbaren Zwischentönen des Alltags.

Wenn Manuel mir morgens einen Kaffee macht oder mir schreibt „Bin gleich daheim ❤️“,
dann sind das Mikro-Momente, die auf unser Beziehungskonto einzahlen (“unser” Konzept vom Beziehungskonto gibt es auch bei Gottman – da haben wir intuitiv wohl etwas “richtig” gemacht).
Je mehr positive Einzahlungen, desto stabiler das Konto.
Und desto wahrscheinlicher, dass ich beim nächsten Mal nicht von seinem Atmen genervt bin.

Liebe ist Statistik (auch wenn das unromantisch klingt)

Gottman sagt: stabile Beziehungen haben mindestens fünf positive Interaktionen auf eine negative.
Das Verhältnis 5 : 1 ist die magische Grenze.
Alles darunter – und die Wahrscheinlichkeit, dass die Beziehung kippt, steigt.

Fünf kleine Dinge also, die das eine nervige neutralisieren.
Fünf Gesten, die zeigen: „Ich sehe dich. Ich mag dich. Ich bin auf deiner Seite.“

Das ist keine Rom-Com.
Das ist Mathematik mit Herz.

Also, was heißt das für uns?

Ich hab in den letzten Wochen begonnen, mich zu beobachten:
Wann ertappe ich mich dabei, im Negativmodus zu sein?
Und was hilft mir, da wieder rauszukommen?

Die Antwort ist meistens einfach (und gleichzeitig schwer):
Dankbarkeit. Bewusstheit. Nähe.

Ich versuche, jeden Tag eine kleine Sache bewusst wahrzunehmen, die schön war.
Nicht das große Drama, sondern das leise Gute.
Das Lächeln, der Kaffee, die Hand auf meinem Rücken.

Und wenn ich das tue, merke ich: Die Statistik kippt wieder.
In Richtung Liebe.

Wochenaufgabe

Mach in dieser Woche dein eigenes PSO-Experiment.

  1. Zähle die positiven Momente.
    Notiere dir jeden Tag fünf kleine Dinge, die du an deinem Partner schätzt oder die schön waren.
  2. Beobachte dich, wenn dich etwas nervt.
    Frag dich ehrlich: Bin ich gerade im Minus? Oder liegt’s vielleicht gar nicht an ihm, sondern an meinem „emotionalen Kontostand“?
  3. Sag’s laut.
    Sag deinem Partner heute wenigstens einmal, was du an ihm magst – ohne Anlass.

Klingt banal. Ist aber mächtig.

Denn manchmal braucht Liebe keine großen Gesten.
Nur fünf kleine, jeden Tag.

Alles Liebe,
Conni

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